Der Blog
Mai 2026
Der Mythos vom extrovertierten Ideal
Für S.G.
„Ich selbst“ statt „Nicht so, wie ihr“
Es gibt eine klare, wenn auch oft unausgesprochene Normierung: Extrovertierte gelten als erstrebenswerter Standard. Sie werden überwiegend als interessant, beliebt und daraus scheinbar resultierend erfolgreich wahrgenommen und verkörpern damit das Bild eines gelungenen Lebens. Introvertierte hingegen werden schnell als schüchtern, langweilig oder gar defizitär abgestempelt. „Geh doch mal raus!“ „Du musst mehr unter Leute!“ „Ist dir nicht langweilig, immer allein zu sein?“ Es mangelt nicht an Ratschlägen, was sie gegen ihr vermeintliches Nicht-Richtig-Sein tun können.
Juppheissassa vs. Trantüten?
Ein zentraler Unterschied zwischen Intro- und Extrovertierten liegt darin, wo sie ihre Energie schöpfen. Introvertierte können sich prächtig auf einer Party amüsieren, doch sie verlieren dabei Energie. Erst in der Stille, allein oder mit wenigen vertrauten Menschen, tanken sie wieder auf. Extrovertierte hingegen gewinnen Energie durch den Austausch mit anderen, durch Trubel und Aktivität. Zwei Seins-Arten, eine Beschreibung. Keine Bewertung, jedoch...Werbung, Hollywood, gesellschaftliche Narrative – sie alle bewerten: Hier die geselligen (und gerne gut aussehenden), lachenden Juppheissassas, dort die in Stuben hockenden (blassen und unattraktiven) Trantüten. Die Klischees mögen amüsant sein – aber sie bleiben in den Köpfen hängen und treiben dort ihr Unwesen, denn sie vermitteln ein falsches Ziel: Dass jeder Mensch nach einem extrovertierten Leben strebt, die meisten es schon geschafft haben, und der Rest noch so vor sich hin dümpelt.
Bunte Mischung
Das Verhältnis von introvertiert zu extrovertiert liegt bei etwa 50%, wobei die Ambivertierten – also Menschen, die sich nicht eindeutig, aber eher auf die eine oder eher auf die andere Seite zuordnen – in der Überzahl sind.
„Das kann doch nicht sein: Da draußen sind doch fast alle super gesellig!“
Weit gefehlt: Viele nicht komplett Extrovertierte verstellen sich, um dem oben beschriebenen Ideal zu entsprechen. Sie zwingen sich, mittendrin zu sein, obwohl es sie auslaugt. Das wiederum verstärkt die Wahrnehmung, dass die Extroversion das 'Normale' sei. Utopie oder Dystopie: eine Welt voller lärmender, geselliger Menschen? Eine Welt voller eher stiller, zweisamer Menschen? Lassen wir es doch bei unserer bunten Mischung!
Ich will so bleiben, wie ich bin (Du darfst!): Drei Ideen
- Ich führe mir die Fakten vor Augen: Sehr, sehr viele Menschen ticken ähnlich wie ich
- Abschied vom Extro-Mythos: Ob ich erfolgreich oder zufrieden bin, lasse ich nicht (mehr) von der Gesellschaft definieren. Ich schaffe mir mein eigenes Wertesystem – es geht nämlich, Überraschung!, um mein Leben
- Meine Bedürfnisse: Ich gehe auf ein Rockfestival, auf das ich Lust habe, merke nach einer Stunde, dass ich genug habe – und gehe. Ich feiere, dass ich zwei Herzensfreunde (aber nicht 78 ziemlich gute Freunde) habe. Die Stunde mit einem Buch im Garten: Hammer!
Mein Leben. Mein Weg...
...Und drumherum all die Menschen, die anders sind als ich. Oder ähnlich. Oder beides.


